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Benjamin hatte sein kleines Studio in einer Baracke auf dem Gelände des ehemaligen Cottbuser Flughafens eingerichtet. Vor seiner Studiotür lag eine ungenutzte, leere Halle. Hier nahmen wir das dritte Kanalalbum auf.
Im Gegensatz zu unseren bisherigen Aufnahmen bestand ich dieses Mal darauf, die „Bandlieder“, frei und ohne Metronom, auch als Band gemeinsam einzuspielen. Dadurch sollte eine Menge Zeit eingespart, Druck vermieden und Originalität gewonnen werden.
Wir probten zwei Wochen lang jeden Tag acht bis zwölf Stunden in der Halle die neuen Stücke. Es war Ende März und in den Pausen wärmten wir die erfrorenen Finger an kleinen Elektroheizungen, die ununterbrochen und beinahe ergebnislos gegen die Temperaturen ankämpften. Einige Stücke waren noch nicht ganz fertig komponiert, andere bedurften ausgedehnter Proben. Ein Stück hatten wir in dieser Phase sogar so sehr verändert und umgestaltet, dass es am Ende nicht mehr auf das  Album passte.

Wir liehen uns Aufnahmetechnik, die Dank Benjamins Sachverstand auch richtig verkabelt und benutzt werden konnte. Die Bandstücke spielten wir dann innerhalb einer Woche ein.
Von über zwanzig Stücken nahmen wir achtzehn auf, davon schafften es am Ende fünfzehn auf das Album.
Auf den beiden Klavierstücken „Hier unten“ und „Steinbruch“ sollte, meiner Meinung nach unbedingt ein Konzertflügel zu hören sein. Durch Herrn Koark bot sich die Möglichkeit, dieses Vorhaben im Cottbuser Staatstheater zu verwirklichen. Allerdings erst nach dem regulären Probebetrieb, der an jenem Tag gegen ein Uhr nachts schloss. Wegen mangelnder Ausweichtermine , begannen Benjamin und ich gegen 2 Uhr aufzunehmen. Der Flügel stand im erleuchteten Foyer und dahinter lagen die dunklen Proberäume und Bühnen des Theaters. Alles hätte gelingen können. Nur meine Konzentrationsfähigkeit, mein Gehör, kurzum mein ganzer Körper war, nach tagelangen, aufreibenden Bandproben stark eingeschränkt. Nach mehren Stunden kläglicher Aufnahmeversuche, stand eine wackelige Version von „Hier unten“, die wir später als Band vervollständigten und entschärften. „Steinbruch“ musste ich in dieser Nacht aufgeben, um es ausgeruhter an einem, leider nur, elektrischen Klavier einzuspielen.

Während den Aufnahmen lebte ich in einem kleinen Zimmer einer Bekannten. An einem Morgen saß ich in ihrer Küche. Der geöffnete Herd wärmte den Raum. Ich schrieb am „Nachbarn“ herum und überlegte mir Abläufe für Passagen von Songs. Die 2 Kilometer zum Flughafen legte ich zu Fuß zurück. Es regnete.
Ich hatte ein Bild in meinem Kopf und stellte mir vor, wie Gregory Crewdson es wohl fotografieren und in Szene setzen würde.


In diesem Bild steht eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm in der Veranda eines brüchigen alten Landhauses.  In Gedanken betrachtet sie ihren Mann, der vor dem Haus mit nacktem Oberkörper Holz spaltet. Der kleine Hof, von hohen Bäumen gerahmt, ist mit Holzscheiten überseht. Im Hintergrund könnte an einem warmen Sommertag die Sonne untergehen. Der Betrachter denkt sich in die Gedanken der Frau, oder erschrickt über die männliche Zerstörungswut, oder fühlt sich ein, in das schlichte, ländliche Familienbild. Alles bleibt zweideutig und vage.
Mit diesem Bild  war der Titel „Ich liebe Dich“  die logische Schlussfolgerung.
An diese Idee schlossen sich andere an und ich dachte an ein Konzeptalbum, eine szenische Realisierung im Theater usw.
Letztendlich scheiterte die Verbindung von Bild und Ton. Zum einen hätte man mindestens noch einmal soviel Kraft in die Visualisierung stecken müssen, wie man sie in die Musik gepumpt hatte. Vielleicht wäre die Musik dahinter auch verloren gegangen.
Zum anderen war der Versuch, das Covermotiv mit einem befreundeten Fotographen umzusetzen, nicht wirklich geglückt. Für die Cd Gestaltung musste ich jegliches weitere Bildmaterial ablehnen.
„Ich liebe Dich“ erscheint daher in einem Buchähnlichen A5 Heft mit Texten auf weißem Papier und Schutzumschlägen in vier unterschiedlichen Farben - das Anticover schlechthin.
Einzig der Titel überlebte die Bildidee. Er mag jetzt vielleicht ein wenig banal, vielleicht auch lächerlich wirken. Ich hoffe aber, dass Musik und Texte Bilder und Vorstellungen beim Hörer freisetzten, die den Slogan „Ich liebe Dich“ wieder in das Zwielicht rücken, aus dem er auftauchte.    

Am Ende eines Aufnahmetages  schlug Andre das Tam Tam an. Leise, in einem ruhigen gleichmäßigen Rhythmus, wobei er den Anschlagsort variierte. Die kleine Vorhalle wurde von einem Klang geflutet, den ich in solch einer Intensität noch nie zuvor gespürt hatte. Eine Weile sah ich zu und hörte, wie sich in der Ferne ein Chor unter die Wellen des Tam Tams mischte. Ich musste nur noch spielen, was ich hörte, nur aufgreifen, was längst angekommen war. Nacheinander setzten wir alle in diesen Klang ein. Das Titelstück war innerhalb einer Stunde in seinen Grundzügen komponiert.

Nach den Aufnahmen saß ich unzählige Stunden mit meinem Bruder in seinem Studio.
Erst nahmen wir meinen Gesang auf, später besserten wir hier und da Stellen aus und spielten Gitarren- ,Bass- und Synthesizerpassagen neu ein. Draußen vor der Baracke bellten aber die Hunde der Flughafenwache.
Die Phase, in der wir hörten, diskutierten und bastelten dauerte mit langen Unterbrechungen anderthalb Jahre an. Um so glücklicher und erleichtert bin ich, dass dieses Album, wenn auch nicht auf einem Label, so doch hier auf dieser Seite veröffentlicht werden kann. Vieles könnte besser sein, hätte auch besser gelingen können. Sei es drum. Es ist da.  Vielen Dank an alle, die geholfen haben, dieses Monster einzufangen.

Viel Freude beim Hören und Sehen.


Tobias Buder / März 2013